Journal 04-9 · Verantwortung & Autorenschaft

Ein eigenes Leben beginnt nicht mit Egoismus

Wann wird aus einem Leben wirklich das eigene?

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Ein eigenes Leben beginnt nicht mit Egoismus

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Der Wunsch nach einem eigenen Leben kann Schuldgefühle auslösen.

Was ist mit den anderen? Darf ich meine Bedürfnisse so wichtig nehmen? Bin ich egoistisch, wenn ich eine Rolle verändere, weniger verfügbar bin oder einen Weg wähle, den mein Umfeld kaum versteht?

Diese Fragen zeigen, wie eng Selbstbestimmung und Beziehung miteinander verbunden sind.

Ein eigenes Leben bedeutet keineswegs, andere Menschen aus der Rechnung zu streichen. Es bedeutet, die eigene Stimme überhaupt mit in die Rechnung zu nehmen.

Das klingt selbstverständlich. Für viele Menschen ist es das lange nicht.

Wer früh gelernt hat, Harmonie zu sichern, Verantwortung zu übernehmen oder Erwartungen zuverlässig zu erfüllen, erlebt eigene Wünsche schnell als Störung. Dann fühlt sich schon eine kleine Grenze an wie Rücksichtslosigkeit.

Doch Rücksicht funktioniert nur, wenn jemand da ist, der sie freiwillig geben kann.

Selbstaufgabe ist etwas anderes.

Ein eigenes Leben braucht deshalb zwei Bewegungen. Die erste richtet sich nach innen: Was will ich? Was ist mir wichtig? Wo liegen meine Grenzen? Welche Aufgabe, Beziehung oder Lebensform entspricht meinem Maßstab?

Die zweite richtet sich nach außen: Wen betrifft meine Entscheidung? Welche Verpflichtungen habe ich übernommen? Wie kann ich fair, klar und verlässlich handeln?

Erst beides zusammen ergibt Autorenschaft.

Egoismus reduziert die Welt auf das eigene Interesse. Selbstbestimmung erkennt das eigene Interesse als einen legitimen Teil einer gemeinsamen Welt.

Das ist ein großer Unterschied.

Vielleicht entscheidest du dich gegen eine berufliche Beförderung, weil du Zeit mit deiner Familie höher gewichtest. Das ist eine eigene Wahl und zugleich Beziehung. Vielleicht setzt du eine Grenze gegenüber einem Familienmitglied, weil die bisherige Form der Nähe dich auf Dauer erschöpft. Auch das kann Fürsorge enthalten - für dich und für die Qualität der Beziehung.

Natürlich kann man Selbstbestimmung missbrauchen. „Ich muss auf mich hören“ kann zur Ausrede werden, um Pflichten abzuschütteln. Deshalb bleibt Verantwortung der Prüfstein.

Welche Folgen löst meine Entscheidung aus? Welche davon gehören zu meinem Anteil? Wo brauche ich Fairness, Übergänge oder Verbindlichkeit?

Ein eigenes Leben ist also kein Leben ohne Bindung.

Es ist ein Leben, in dem Bindungen gewählt, geprüft und bewusst getragen werden.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Freiheit: nicht frei von anderen zu sein, sondern mit anderen verbunden zu leben, ohne sich selbst dabei vollständig zu verlieren.

Auch Fürsorge wird dadurch klarer. Wer eigene Grenzen kennt, kann Nähe freiwilliger geben. Ein Besuch, eine Hilfe, ein gemeinsamer Abend bekommt einen anderen Charakter, wenn er aus Zustimmung entsteht statt aus stiller Pflicht. Selbstbestimmung macht Beziehungen daher nicht automatisch kälter. Sie kann sie ehrlicher machen. Menschen begegnen sich dann weniger über Rollen und stärker über Entscheidungen, die immer wieder neu bejaht werden.

Ein gutes Zeichen für gesunde Selbstbestimmung ist, dass sie Verantwortung nicht kleiner macht, sondern genauer. Du weißt, wofür du Ja sagst, wem gegenüber du verlässlich sein willst und welche Grenzen dazugehören. Dadurch wird das eigene Leben nicht beliebiger. Es bekommt eine klarere Form. Du bist weder nur für dich noch nur für andere da. Du ordnest beides bewusst.

Welche Entscheidung würdest du anders betrachten, wenn du Selbstbestimmung nicht als Gegenpol zu Rücksicht, sondern als Voraussetzung für ehrliche Rücksicht verstehen würdest?

Eine Frage zum Weiterdenken
Du ordnest beides bewusst. Welche Entscheidung würdest du anders betrachten, wenn du Selbstbestimmung nicht als Gegenpol zu Rücksicht, sondern als Voraussetzung für ehrliche Rücksicht verstehen würdest?
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